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PFLANZENBAU: Ackerbau

Verbräunte Leitbündel und schmale Herzblätter sind typische Symptome der SBR-Krankheit.
FOTO: VERBAND DER HESSISCH-PFÄLZISCHEN ZUCKERRÜBENANBAUER

IMMER MEHR ZIKADEN

Zuckerrüben in Gefahr

AUTORINNEN, AUTOR: 
Eva Therhaag, Forschungsgemeinschaft Zuckerrübe Südwest, Kerstin Hüsgen, Landwirtschaftliches Technologiezentrum Augustenberg, Dr. Larissa Kamp, Verband badenwürttembergischer Zuckerrübenanbauer, Dr. Christian Lang, Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer

DARUM GEHT’S: 
Gegen Zikaden, die Krankheiten übertragen, scheint nichts zu helfen. Doch es gibt Hoffnung, den Rüben anbau in den betroffenen Regionen zu erhalten.

Sie hat sich von Südwesten ausgebreitet und ist auf inzwischen 50.000 ha in Deutschland zu finden: die SBR-Krankheit, steht kurz für „Syndrome Basses Richesses“. Dieses Syndrom verringert die Zuckergehalte in Rüben um bis zu 40 Prozent und hinterlässt vergilbte Rübenfelder. Spezielle Bakterien oder Phytoplasmen lösen die SBR-Krankheit aus. Für eine erfolgreiche Infektion benötigen sie allerdings Überträger, das ist vor allem die Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus).

Ab dem Frühsommer fliegen die ausgewachsenen Zikaden in die Rüben. Dort saugen sie an den Stängeln und Blättern und übertragen dabei die SBR-Bakterien. Diese befallen die Leitbahnen der Rübe, die für den Transport des Zuckers entscheidend sind. Erste Symptome sind schmale lanzettliche Herzblätter. Schneidet man die Rübe auf, sind im Rübenkörper verbraunte Leitbündel sichtbar. Die schwerwiegenden Folgen sieht man erst im Spätsommer als vergilbte Rübenflächen.

Mit der Praxis gegen Zikaden

Doch wie hält man die Zikaden in Schach und bewältigt die Folgen der SBR-Erkrankung? Um diese Frage zu beantworten, gehen Praxis, Beratung und Forschung neue Wege. Im Jahr 2019 hat sich das Projekt für nachhaltiges Insekten- und Krankheitsmanagement im Zuckerrübenanbau der Zukunft (NIKIZ) entwickelt. 15 landwirtschaftliche Betriebe prüfen unter der Leitung des Verbands der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer mit verschiedenen Methoden, wie man die Zikaden kontrollieren kann. Im Fokus steht dabei die biologische Bekämpfung. Wissen schaftler:innen in dem Projekt haben sich mit dem Projektpartner e-nema auf insektenpathogene Nematoden spezialisiert. Ziel ist es, die Nymphen tödlich zu infizieren, denn die Nematoden übertragen ein für die Zikaden bedrohliches Bakterium. Um das zu erreichen, sind allerdings ein warmer Boden und hohe Luftfeuchte wichtig. Bislang erweisen sich die Zikaden allerdings als robust und gut angepasst.

Die besten Ergebnisse im Projekt haben bisher Sortenversuche hervorgebracht. Darin sucht die Arbeitsgemeinschaft Zuckerrübe Südwest an mehreren Standorten nach der Rübensorte, die unter SBR-Befall nur wenige Symptome und Ertragseinbußen zeigt. Die physiologischen Veränderungen und Resistenzeigenschaften dieser Sorten untersuchen Wissenschaftler:innen und Studierende seit zwei Jahren im Labor. Dabei konnten sie mehrfach signifikante Unterschiede nachweisen. An manchen Sorten vermehren sich weniger Bakterien, die SBR auslösen, sie sind möglicherweise teilresistent. Für das nächste Anbaujahr stehen dem Bio-Rübenanbau nun auch erstmalig SBR-tolerante Sorten wie zum Beispiel Fitis zur Verfügung, gegebenenfalls auch weitere Sorten.

Wirtspflanzen im Fokus

Um den Einfluss der Folgefrucht zu klären, ermitteln die Wissenschaftler:innen im NIKIZ-Projekt den Zikadenschlupf aus dem Boden mithilfe von feinmaschigen Insektenzelten und Klebefallen. Sie untersuchen Schläge mit Winterweizen, Erbse, Som mergerste, Mais und Kartoffeln, auf denen vorher Rüben wuchsen. Sommerungen stehen im Verdacht, die Vermehrung der Zikaden zu begrenzen. Vor allem, weil sie im Vergleich zum Winterweizen für die Nymphen eine längere Hungerperiode schaffen.

Das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) hat in einem Vektoren-Projekt untersucht, wie stark die Schilf-Glasflügelzikade in Baden-Württemberg verbreitet ist. Die Wissenschaftler:innen am LTZ untersuchten auch, ob Zwischenfrüchte Auftreten und Verbreitung dieser Zikade begünstigen.

Dass Zwischenfrüchte die Zikaden fördern, ist aber wegen der zeitlichen Abfolge un wahrscheinlich: Zum Zeitpunkt der Aussaat von Zwischenfrüchten – oft erst im September – ist die Hauptflugperiode der adulten Zikaden vorbei und auch die Zeit der Eiablage fast beendet. Zudem stehen die Rüben zum Auflaufen der Zwischenfrüchte noch auf den Flächen. Die Insekten können also zwischen der Zuckerrübe und den noch jungen Zwischenfrüchten wählen. Sie entscheiden sich für die wesentlich attraktivere Zuckerrübe. Das bestätigen Felderhebungen im Vektoren-Projekt. Die Wissenschaftler:innen fanden weder an Reinsaaten noch an Mischungen von Zwischenfrüchten Nymphen der Schilf-Glasflügelzikade.

Überlebensrate der Nymphen

Ob und welche Pflanzen noch als Wirte und Nichtwirte für die Nymphen infrage kommen, prüfte das Vektoren-Projekt in einem Gewächshausversuch. Das Ergebnis: Die meisten überlebenden Nymphen fanden sich in den Gefäßen mit Zuckerrüben. In den Gefäßen mit Winterweizen war die Überlebensrate ähnlich hoch, an Schilf leicht niedriger. Die Anzahl der überlebenden Nymphen war an Senf, Ölrettich, Mais und der Kontrolle (Ackerboden ohne Pflanzen) gering.

Das Zwischenfazit des Vektoren-Projekts lautet: Senf und Ölrettich könnten die Entwicklung der Schilf-Glasflügelzikade negativ beeinflussen. Dies müssen Freilandversuche aber noch bestätigen. Hier knüpft das Projekt BETA-CLIMATE unter der Leitung des Verbands baden-württembergischer Zuckerrübenanbauer an. Acht Praxisbetriebe untersuchen verschiedene Zwischenfrüchte im Zuckerrübenanbau auf ihre CO 2 -Bilanz. Eine weitere Forschungsfrage ist, welche Effekte die Zwischenfrüchte auf die Zikaden-Entwicklung unter Freilandbedingungen haben. Außerdem säen die Landwirte auf den Praxisbetrieben im kommenden Anbaujahr Mais-Rahmen rund um die Zuckerrübenparzellen. Sie wollen damit testen, ob Mais eine Barriere für den Zuflug der Zikaden darstellt.

NIKIZ und BETA-CLIMATE sind Projekte der Europäischen Innovationspartnerschaft Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit (EIP-Agri). Neben einer Förderung der EU erhalten sie Landesmittel, NI-KIZ von Rheinland-Pfalz und BETA-CLIMATE von Baden-Württemberg. Das Vektoren-Projekt am LTZ erhält ebenfalls Fördermittel aus Baden-Württemberg. Weitere Infos: www.nikiz.de

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in top agrar 6/2022.