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TIERHALTUNG: Rinder

Mit der Tränkeflasche haben Tierhalter:innen eine bessere Kontrolle über Menge und Qualität, die das Kalb trinkt.
FOTO: LANDPIXEL

GUTER START FÜR KÄLBER

Bereits die Trockenstehphase zählt

AUTORIN, AUTOR: Birgit Gnadl, Dr. Matthias Link, Bioland-Fachbeirat Tiergesundheit

DARUM GEHT’S: 
Kälber aufzuziehen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die wichtigsten Erfolgsfaktoren: Geburtsvorbereitung, Sauberkeit, bedarfsgerechte Versorgung, Einstreumanagement.

Die Kälberaufzucht fordert Landwirt:innen heraus und braucht Geschick. Die kritische Phase beginnt bereits lange vor der Kalbung. Darum braucht die Trockenstehphase der Kuh viel Aufmerksamkeit. Kühe sollten vor der Kalbung sechs bis neun Wochen trockenstehen, damit sie genug Zeit haben für die Euterrückbildung, sich auf die Geburt und die neue Laktation vorzubereiten und ein qualitativ einwandfreies Kolostrum zu bilden. In der Trockenstehphase bildet die hochträchtige Kuh eine im-

munologische Stabilität aus: Ihr Immunsystem setzt sich mit dem Keimmilieu der Umgebung auseinander und bildet passende Antikörper. Dann kann sie das Kalb mit den erforderlichen Immunglobulinen im Kolostrum versorgen.

Genug Kolostrum in hoher Qualität

Die erste Biestmilch mit den lebensnotwendigen Abwehrstoffen für neugeborene Kälber ist nach wie vor der entscheidende Schlüssel für eine gute Kälbergesundheit. Je mehr und früher Kälber Kolostrum aufnehmen, desto mehr Antikörper gehen in ihr Blut über. Kälber sollten vier Liter Kolostrum in den ersten zwei Lebensstunden aufnehmen und in den folgenden zehn Stunden weitere vier bis sechs Liter. Säuft ein Kalb aufgrund einer Schwergeburt, Fruchtwasseraspiration oder wegen mangelndem Saugreflex die notwendige Menge nicht selbst, ist es notwendig, als Erstmaßnahme, Kolostrum mittels Drenchen zu geben (Anleitung: www.kurzelinks.de/kaelber-drenchen-2022).

Mit bloßem Auge kann man die Qualität des Erstgemelks der Mutter nicht einschätzen, Farbe und Konsistenz sind keine sicheren Kriterien. Daher sollte man den Immunglobulingehalt (IgG) messen. Dafür eignen sich beispielsweise Brix-Refraktometer oder Biestmilchspindel. Sie sind bereits ab 20 Euro erhältlich und äußerst einfach zu handhaben. Ab einem Wert über 22 Brix-Prozent gilt Milch als hochwertiges Kolostrum, dies entspricht etwa 50 g Immunglobulin je Liter Kolostrum.

Biestmilch in Reserve halten

Es empfiehlt sich, Vorräte aus hochwertigem Kolostrum anzulegen, indem man es portionsweise einfriert. Denn es kann vorkommen, dass das Erstgemelk eines Muttertiers nicht genügend Abwehrstoffe für das Kalb enthält. Landwirt:innen können die gefrorenen Portionen schonend auftauen. Kolostrum darf nicht über 40 °C erhitzt werden. Es muss aber nicht exakt auf 38 °C erwärmt werden, weil es einen natürlich erhöhten pH-Wert hat. Es empfiehlt sich, die erste Mahlzeit mit einer Tränkeflasche zu geben, die im Wasserbad erwärmt wird. Dafür spricht auch die Hygiene.

Immer mehr Tierhalter:innen stellen auf die Ad-libitum-Tränke um. Das bedeutet, dass der Eimer nie leer sein darf oder die Kälber dreimal täglich getränkt werden oder sie sich am Tränkeautomat mehrmals täglich kleinere Portionen abholen können. Dies fördert die Entwicklung der Kälber und später die Leistungsbereitschaft der Tiere. Bei der kuhgebundenen Kälberaufzucht mit leistungsbereiten Müttern oder Ammen entwickeln sich Kälber ebenfalls gut.

Wer die Kälbertränke ansäuern will, beginnt damit bereits ab der zweiten Mahlzeit, eine spätere Umstellung kann zu Durchfall führen. Die Tränke sollte bereits am ersten Tag nach der Biestmilchgabe angesäuert werden, wodurch sich Kälber schnell an die Tränke gewöhnen. Bewährt hat sich eine Warmsauertränke mit einer Temperatur von etwa 35 °C und einem pH-Wert von 5,5. Die Kälber saufen die warme Milch sehr gerne. Durch das Ansäuern findet schon eine Art „Vorverdauung“ statt, das macht die Tränke für das Kalb bekömmlicher. Mit dem Ansäuern und den hohen Tränkemengen kann die Kotkonsistenz heller und dünner werden, was aber zumeist unproblematisch ist. Nach etwa vier bis sechs Wochen adlibitum reduziert man die Tränkemenge dann schrittweise.

Spätestens ab dem achten Lebenstag müssen die Kälber jederzeit ungehindert an Raufutter und frisches Wasser kommen können. Das ist in der Tierschutznutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) vorgeschrieben, dadurch bilden sich die Vormägen früher aus, was das spätere Absetzen von der Milch erleichtert. Ein Angebot von Bio-Kälber-Trocken-TMR und gutem Heu ist sehr vorteilhaft für eine gute Köperkondition und Pansenentwicklung.

Professionell gegen Durchfall

Durchfallkälber brauchen lückenlose Betreuung. Tränkepläne mit abwechselnden Elektrolyttränken sind lebensrettend. Eine Infusion durch den Tierarzt ist zwingend erforderlich, wenn Kälber nicht mehr selbstständig trinken können. Drenchen ist hier kontraindiziert und führt häufig zu zusätzlichen Vormagenproblemen, weil zu viel Milch in den Pansen gelangt und dort Fehlverdauung verursacht. Lungenprobleme können entstehen, wenn das Drenchbesteck unsachgemäß angewendet wird, so dass Milch durch Verschlucken in die Atemwege gerät.

Kälberdecken sind nicht nur in den Wintermonaten bei Durchfall nützlich, sondern generell für kleine Kälber bei Minustemperaturen. Hält der Durchfall an, sollte der Tierarzt den Kot untersuchen, um die Ursache zu finden. So lassen sich Tränkefehler von Infektionskrankheiten unterscheiden und Tierhalter:innen können gemeinsam mit dem Tierarzt eine Strategie zur Vorbeugung entwickeln.

Prophylaxe durch Management

Generell können Tierhalter:innen ihre Kälber vor Durchfall und Parasitenbelastung schützen, indem sie die Jungtiere von Anfang an bedarfsgerecht versorgen und die Ställe perfekt belüften. Sauberkeit und vor allem reichliche und trockene Einstreu sind die Grundvoraus setzung für gesunde Kälber.

In den ersten Lebenstagen, in denen sich die Tiere ausschließlich von Vollmilch ernähren, kann man diese mit zusätzlichen Bio-Vollmilch-Aufwertern anreichern. Das sind Spurenelement- und Mineralstofflösungen, die ausgleichen, dass natürliche Milch nur geringe Mengen dieser Nährstoffe enthält. Dadurch stärken sie den Aufbau der eigenen Abwehrkräfte.

Auch gegen Parasiten kann man die Tiere stärken: Kräuter in speziellen Leckschalen fördern das Darmmilieu. Sie sind eine mittlerweile bewährte Möglichkeit zur Förderung einer parasitären Immunität in der Herde, im Stall und auf den Flächen. Hierzu gibt es auch ein gutes Bio-Angebot auf dem Markt. Gerade für Absetzer sind diese Kräuter-Leckschalen empfehlenswert. Kälber beschäftigen sich vermehrt mit diesen Schalen und lecken weniger an anderen Tieren, an der Aufstallung oder an Stallwänden.

Auch aufgehängte Heunetze, wie sie Pferdehalter verwenden, oder Kälber-Heuraufen, in denen bestes Kälberheu lockt, fördern die Darmstabilität und reduzieren das gegenseitige Besaugen.

Experten für Tiergesundheit 
Fachbeirat entwickelt Hilfestellung für Betriebe

Der Fachbeirat Tiergesundheit im Bioland kümmert sich umfassend um die Entwicklung von Gesundheitskonzepten für alle Tiere, die auf Bioland-Höfen leben. Mit dem Fachbeitrag zur Kälbergesundheit tritt der Fachbeirat erstmal im bioland-Fachmagazin auf. Die Gründung des Expertengremiums geht auf einen Beschluss der Bioland-Delegiertenversammlung im Herbst 2019 zurück: Ein Fachbeirat Tiergesundheit soll entstehen. Die Mitglieder des Fachbeirats sind beruflich als Tierärzte, Tierheilpraktikerin oder Berater tätig. Sie decken das breite Spektrum der unterschiedlichen Tierarten ab und wollen präventive Tiergesundheit.

Eine wichtige Aufgabe des Gremiums ist die Auslegung der EU-Ökoverordnung zur Tiergesundheit, wobei der allgemeine Rechtsrahmen zum Tierschutz, zur Tierseuchenbekämpfung und zur Tierarzneimittelanwendung beachtet werden muss. Auf dieser Grundlage entwickelt der Fachbeirat die weiteren Einschränkungen zur Arzneimittelanwendung in den Bioland-Richtlinien weiter. Zudem diskutiert das Gremium Vorschläge für die Anwendung alternativer Therapieansätze, deren Umsetzung und Machbarkeit, sowie den Umgang mit Bioziden und die Bewertung der Bioland-Tierwohlkontrollen. Darüber hinaus steht das Expertenteam als Ratgeber für die Praxis und Beratung zur Verfügung.

Mitte Juli hat der Fachbeirat ein Merkblatt fertiggestellt für Vertriebswege von Tierarznei-, Spezialfutter- und Pflegemitteln in Öko-Betrieben. Dieses Tool soll Bioland-Betriebe unterstützen. Die Expert:innen betrachten es als zentrale Aufgabe, gemeinsam mit dem Bildungsteam und der Beratung von Bioland ein Bildungskonzept „Gesunde Tiere im Bioland“ zu entwickeln. Weiterhin soll der Fachbeirat Stellung zur EU-Ökoverordnung und allen daraus entstehenden Fragen beziehen.

Der Fachbeirat Tiergesundheit wurde unter der Leitung von Dr. Ulrich Schumacher, Bioland-Facharbeit Tierhaltung, gegründet und zu Beginn von Bioland-Berater Martin Weiß aus Baden-Württemberg koordiniert. Seit Herbst 2021 hat Sebastian Woskowski vom Bioland-Landesverband Ost diese Aufgabe übernommen.